In der Bahn

In der Bahn neben mir: Eine Frau meines Alters, Ende zwanzig, vielleicht verschätze ich mich auch, das kommt immer häufiger vor. Sie setzt sich hin, ihre Tasche auf dem Schoß, sie wühlt mit zarten Fingern drin rum. Dick eingepackt, sauber, kräftige Schenkel, da ist nichts, was man sich merken könnte, außer vielleicht die Bedächtigkeit ihrer Bewegungen. Sie holt eine Packung Taschentücher hervor, nimmt eins raus, zwei langsame Finger wie Spinnenbeine, unauffällig lackiert, zart rosa, kein Dreck unter den Nägeln. Sie wickelt sich einen Zipfel des Tuchs um den Zeigefinger und fängt an, sich mit dieser Konstruktion in der Nase zu bohren. Als sie das Gefühl hat, es ist genug, arbeitet sie sich weiter. Neuer Tuchzipfel, erneutes Bohren, schließlich das zweite Nasenloch. Nach dieser feineren Form des Popelns, holt sie eine Zeitschrift aus der Tasche. Laura steht vorn drauf und sie schaut sich die Kleider und die Stars an, die Schminktipps und die Tricks, wie man eine gute Liebhaberin wird.

Ich dachte immer, dass solche Zeitschriften nur wegen all der Arztpraxen bestehen, in denen die wartenden Patienten gedankenverloren  blättern können. Aber es gibt sie wirklich, die Zielgruppe. Und sie besteht nicht aus zwölfjährigen Mädchen, die sich darüber informieren wollen, wie man so tut, als wär man eine Frau, sondern es sind erwachsene Menschen.

Bei mir: Immer das Gefühl anders zu sein und auch anders sein zu wollen als der Rest. Dann gedacht: Es ist bei jedem so. In jeder Brust die Gewissheit einer Besonderheit. Jeder Mensch, den ich kennenlernte und sei er auch noch so stereotyp, war immer der Meinung, ein ganz verrückter Hund zu sein. Anders als andere. Klar. Hier und da Gemeinsamkeiten, keine Frage, auch ich mag Popmusik und Steven King, aber das ist nicht alles, da ist noch mehr, da stecken Geschichten in meiner Brust, die kann ich gar nicht erzählen, so verrückt sind die.

Und dann Laura, die sich bereitwillig dem Klischee, das eine Zeitschrift von ihr zeichnet, unterwirft. Und sie fragt sich: Bin das noch ich oder ist das schon Werbung, die wirkt? Und sie hat gar keinen Grund die Zeitschrift in Ihren Händen verdächtig zu finden, denn natürlich steht sie in Wahrheit drüber und weiß ganz genau, wie der Hase läuft. Wissen wir alle. Und können deshalb immer um die nächste Ecke schon denken, immer einen Schritt voraus, eingewickelt in weiche Ausreden. Natürlich weiß sie um die Dummheit dieser Artikel über die perfekte Beziehung, die beste Freundin, den idealen Lipgloss. Sie ist nicht oberflächlich. Sie ist eine von denen, die trotz ihrer Klugheit auf ihr Aussehen achten. Sie tut es nicht für andere, das hat sie früh gelernt, sie tut es für sich. Sie weiß: Auch kluge, erfolgreiche Frauen dürfen Röcke anziehen. Über den Punkt sind wir längst hinaus. Wir müssen unsere Weiblichkeit nicht verstecken und uns als Männer verkleiden, um ernst genommen zu werden. Und so weiter.

Wo kommen all diese kleinen Weisheiten her? Wurden Sie in Frauenzeitschriften geboren, damit die Kosmetik- und Textilindustrie trotz Emanzipation verdient? Und noch viel dringender: Wie kann Laura übersehen, dass sie zu einer Armee gehört, die wie aus einem Mund spricht? Und ist das vielleicht gar nicht so schlimm?

Vielleicht ist das Dogma, möglichst originell und besonders zu sein, auch nur ein Quatsch, den ich aus Zeitschriften und Büchern hab.  Aber wo die Gedanken herkommen, ist eine andere Frage.

Mein Problem damit ist einfach nur, dass ich es langweilig und ein bisschen erschreckend finde, wenn ich diese Dutzendsätze aus den Mündern der Menschen fallen höre. Sie reden gegen die Vernunft, wie Soap-Darsteller, denen man genau die Worte in den Mund legte, die am wenigsten Anstoß erregen. Sie verlieren ihr Gesicht, indem sie Dutzendsätze sagen. Sie singen sie wie in einem Chor und werden zu Brei. Vielleicht brauchen wir sie als Hintergrund, als Leinwand, um uns von Ihnen abzusetzen. Vielleicht kann die Forderung nach Differenz gar nicht vorgebracht werden, ohne sich in Widersprüche zu verstricken. Die Differenz braucht immer einen Hintergrund, um sich abzuheben.

Als ich noch sehr jung war, gerade das Denken angefangen und schon unglaublich hochmütig,  da hab ich gedacht, wie tot und faul doch die Menschen sind. Ich hielt mich für den einzigen, der Leidenschaft in sich trägt, der sich empören kann und dessen Herz unruhig schlägt. Es war leicht, diesen Gedanken aufrecht zu erhalten. Er konnte schwer widerlegt werden. Die Stirn ist ein eiserner Vorhang. Die Oberflächen sind blass und grau. Ich wünschte, ich würde sie anzünden können. Ich wusste nicht wie, aber ich wusste, dass es nötig ist. So konnte es nicht weiter gehen. Die Erde sollte ein leidenschaftlicherer Platz sein. Davon war ich überzeugt.

  1. goingondrives hat diesen Eintrag von fliegtallesauf gerebloggt
  2. fliegtallesauf hat diesen Eintrag von wasunsausmacht gerebloggt
  3. heartcurrency hat gesagt: Finde ich einfach toll.
  4. randbezirk hat gesagt: individualismus ist heut zu tage ein uns eingetrichtertes industrielles dogma ALLERDINGS glaube ich noch an den wahren individualismus.. ..allein bist du jedenfalls nicht!
  5. von wasunsausmacht gepostet