kaltes wasser

manchmal träume ich noch von der wohnung meiner großmutter, aus der sie vor 15 jahren ausgezogen ist, von dem langen, dunklen flur, an dessen ende ein wenig licht vom schlafzimmer auf die wand geworfen wurde, wenn dir tür offen stand. der flur war wie ein weiteres zimmer, mehr eine höhle, aber es war ein sofa darin und die enkelkinder sammelten sich am liebsten dort, in der dunkelsten und gemütlichsten ecke der wohnung. nach der schule ging ich gern und mit leichten schritten zu meiner großmutter, denn es war immer warm und herzlich dort, nie fühlte man sich fehl am platz, immer willkommen, ganz im gegensatz zu meinem elternhaus, in dem ich mich immer unwohl fühlte, wo es keine dunklen, gemütlichen ecken gab. ich erinnere mich an den hund der nachbarin, ein schwarzer, großer hund, der bellte, wenn man den hof betrat. wir hatten angst vor ihm und standen oft fasziniert am zaun, um ihn zu beobachten. auf dem dorf sind die hunde aggressiver, es ist eins der ersten dinge, die mir in der stadt aufgefallen sind, dass die hunde entspannt durch die gegend laufen und überhaupt nicht daran denken, ihr revier zu verteidigen, wohingegen die hunde aus dem dorf regelmäßig ausrasten, wenn sie einem anderen hund begegnen. der hund, den wir hatten, war immer wieder in blutige kämpfe verwickelt, bei denen es schwer war, die hunde wieder auseinander zu bekommen, ohne  sich in gefahr zu bringen. man sagte mir, dass man einen eimer kaltes wasser über die ineinander verbissenen hunde schütten solle, dann gingen sie auseinander undich fragte mich schon damals, wo man denn so schnell einen eimer kaltes wasser herbekommen soll. 

schwerfällige tage

seit wochen sehr müde, kurz nach den ersten warmen tagen fings an, da wurde ich immer grauer, träger und wollte die tage am liebsten im bett verbringen. stattdessen musste ich natürlich raus, die welt retten, das kind über die spielplätze jagen und seltsam verschämte gespräche mit anderen eltern führen.

wenn das kind schläft, lese ich und trinke schwarzen tee dazu, der mich an die zeit in der stuttgarter straße erinnert. dort trank ich ausschließlich schwarzen tee, aß morgens ein brötchen und nachmittags ein rührei. es war eine sehr sparsame zeit mit kurzen, immergleichen wegen und ich fing an, das schreiben zu systematisieren. morgens vorm frühstück schreiben, dann essen, dann raus, dann irgendwann am späten nachmittag nochmal schreiben, abends schaute ich einen film, den ich mir auf meiner täglichen tour zur bibliothek geholt hatte. es war die zeit, in der ich stärker und glücklicher wurde, in der ich dachte, dass ich endlich etwas gefunden habe, was ich für den rest meines lebens machen will und dass die sache mit der liebe und dem ganzen anderen quatsch, über den ich in den letzten jahren zu viel nachdachte, gar nicht so wahnsinnig wichtig ist, wenn mir nur die fähigkeit und der wille, buchstaben aneinander zu reihen, nicht verloren gehen. 

und dann dachte ich daran, dass die meisten menschen jeden tag für viele stunden etwas machen, was sie nicht mögen, was sie vielleicht sogar für überflüssig halten oder von dem sie wissen, dass jemand anderes diesen job genauso gut machen könnte. wie krank dieses wissen macht, wie deprimierend es sein muss, jeden tag etwas zu tun, was man nicht mag. ich dachte an den freund meiner mutter, der gern über vögel spricht, darüber grübelt, was sie wohl denken und wollen, der selbst seit jahren davon redet, etwas anderes zu machen, der aber keine ahnung hat, was das sein soll, dieses andere. an meinen vater, der seit ein paar jahren überlegt, alles hinzuschmeißen, es aber nicht tut, denn da sind diverse kredite zu tilgen und bei ihm wurde die depression sofort in alkoholismus umgewandelt, wie es sich für einen richtigen mann gehört. und wenn man jeden tag mit arbeit füllt und zum einschlafen drei bier und ein paar schnäpse trinkt, dann kann man jahre so weitermachen, ohne probleme, dann versagen höchstens irgendwann ein paar organe, aber niemand kann sagen, dass es ein unglückliches leben gewesen sei, denn es war ja gar keine zeit fürs unglück, er hat ja alles erreicht und immer einen witz auf lager. 

Stadt Land Fluss

Ich glaube, ich war nie in meinem Leben so viel draußen, wie zur Zeit. Inzwischen essen wir sogar draußen, die Tasche wird immer dicker beim Verlassen der Wohnung und im Laufe des Nachmittags werden die Füße, Hände und das Gesicht klebrig-dreckig. Ich mag den Strassenstaub in der Stadt, die Stunden vor Sonnenuntergang, wo die Gesichter der Menschen sich verwandeln oder einfach andere Arten von Leuten unterwegs sind: alles wird etwas ruhiger, betrunkener, warm-staubig und die Luft hängt voller Essensgerüche, denn sie setzen sich raus, solang es noch warm ist und schwatzen mit den Kellnern. Ich mag das Leben in der Stadt sehr gern, kann mir gar nicht mehr vorstellen, auf dem Dorf zu leben, wo ich nie rauswollte, wo rausgehen immer Beobachtet-Werden bedeutete und die lästige Pflicht zu grüßen. Die Omas rannten sofort zu meiner Mutter, wenn ich sie nicht gegrüßt hatte, weil der Angstkloß im Hals zu groß war. Ich kann mich ganz genau an das Gefühl erinnern, an einer Oma, die am Gartenzaun steht, wie ein Baum, vorbei zu müssen. Ich konnte nicht umdrehen, denn sie hatte mich schon gesehen und ich musste nach Hause, ein besseres Versteck gab es nicht. Ich gehe die Straße entlang, komme der Oma immer näher, die mich anstarrt und ich denke: gleich musst du sie grüßen, und du musst es zum richtigen Zeitpunkt machen, du darfst nicht zu weit entfernt sein, sonst hört sie es nicht und rennt zu deiner Mutter. Und ich gehe und will am liebsten unsichtbar sein, das Aussprechen eines schlichten Grußes kommt mir wie ein unüberwindliches Hindernis vor, weil ich vor Angst und Ohnmacht ganz nah am Umfallen bin und das immer, wenn ich an diesen starrenden Leuten vorbeimusste. Ich verstand nie, warum sie auf diese Grußworte bestehen, wenn sie doch sehen, dass ich es nicht Ernst meine. Wie mein angeheirateter Großvater darauf bestand, dass Kinder ihm die Hand geben, obwohl sie es immer nur widerwillig und mit zitternden Knien taten. Die Stadt mit ihren Millionen Augen hat mich nie auf diese grausam-blöde Weise angeglotzt, hat mich nie so bedrängt und zittern gemacht wie das Land. 

abend

die vögel sind so laut, dass ich oft irritiert nachsehe, ob ich ein fenster aufgelassen hab, besonders am abend, nachdem das kind eingeschlafen ist und sich ruhe über die wohnung legt. ich mag diese stille am abend, den moment, in dem ich allein bin und nicht mehr putze, räume oder rumrenne, sondern einfach daliege und machen darf, was ich will, wenn es auch unfug ist, wenn ich auch bilder von kleidern angucke wie eine kaufsüchtige oder dumme filme schaue.

der winter, in dem ich vergraben unter schnee und rotznasen lag, hat mir die vorhänge vors gesicht gezogen. am abend steigt der mann in mein bett und sagt, ich solle schreiben, über genau diese verlorene zeit, in der ich stecke, dass ich über mich schreiben soll und ich denke daran, wie ich das erste mal aussprach, dass ich schriftstellerin sein will und die antwort eine frage war, nämlich was ich schon zu erzählen hätte. wenn ich mich das heute frage, dann ist da erstmal diese gähnende leere, die das kind gemacht hat mit all seinen bedürfnissen, die abwesenheit einer person, jemand, der sich so sehr zurückgenommen hat, bis er nicht mehr da war. das aufsammeln der fäden wird ein bisschen zeit in anspruch nehmen. die drähte zu den eigenen innereien, dem willen, dem wissen und können sind verworren und dann fragen wir uns, ob es noch ein kind sein muss, noch mal eine verlorene zeit, nochmal verschwinden hinter dringenderen bedürfnissen und keine ahnung, stille, in die die dunkelheit langsam von draußen reinkriecht. 

tagsüber immer draußen, so dass die unterarme schon ganz braun sind, ständig verabredungen mit anderen müttern, die tasche voller knabberzeug, geschälen birnen und fruchtriegeln. diese woche die zweite und hoffentlich erstmal letzte eingewöhnung nach einem kitawechsel. die geschichte dazu ist zu lang und zu unglaubwürdig, wie es das leben oft so an sich hat. es fühlt sich gut an: der sand zwischen den fingern, die unterscheidung zwischen gutem und schlechtem sand für die förmchen, das erschöpfte heimkehren, die treppen will sie inzwischen allein hoch, nur manchmal, damit es schneller geht, soll eine hand helfen, und dann nach ein paar faxen falle ich ins bett. heute im streichelzoo waren zwei mütter, die ich kenne, die sich wie snobs benahmen, weggingen, wenn wir in ihre nähe kamen, tuschelten, sich abwandten und ich fühlte mich wieder wie in der schule, wo sympathien über den eignen wert bestimmten und wir waren plötzlich im abseits, die, die als allerletzte in die mannschaft gewählt werden. die snobs gehörten zu der sorte mütter, die unbedingt alles richtig machen wollen und sich dabei selbst in den arsch beißen, die ihre kinder ohne zucker und vegan ernähren, natürlich nur bio, eh klar, waldorfschule, denn sie solln sich schließlich entfalten und zu nichts gezwungen werden. wir hatten auf dem weg zur feier des tages zwei kleine sektflaschen getrunken, dann holten wir auch noch eis und verteilten kekse an unsere spatzen. die kämpfe der eltern auf dem spielplatz finden nämlich nicht nur zwischen den fähigkeiten der soundsoalten kinder und ihren klamotten statt, auch beim essen und trinken kann man viel falsch machen. wir entspannen uns und das sieht dann so aus.

tagsüber immer draußen, so dass die unterarme schon ganz braun sind, ständig verabredungen mit anderen müttern, die tasche voller knabberzeug, geschälen birnen und fruchtriegeln. diese woche die zweite und hoffentlich erstmal letzte eingewöhnung nach einem kitawechsel. die geschichte dazu ist zu lang und zu unglaubwürdig, wie es das leben oft so an sich hat. es fühlt sich gut an: der sand zwischen den fingern, die unterscheidung zwischen gutem und schlechtem sand für die förmchen, das erschöpfte heimkehren, die treppen will sie inzwischen allein hoch, nur manchmal, damit es schneller geht, soll eine hand helfen, und dann nach ein paar faxen falle ich ins bett. heute im streichelzoo waren zwei mütter, die ich kenne, die sich wie snobs benahmen, weggingen, wenn wir in ihre nähe kamen, tuschelten, sich abwandten und ich fühlte mich wieder wie in der schule, wo sympathien über den eignen wert bestimmten und wir waren plötzlich im abseits, die, die als allerletzte in die mannschaft gewählt werden. die snobs gehörten zu der sorte mütter, die unbedingt alles richtig machen wollen und sich dabei selbst in den arsch beißen, die ihre kinder ohne zucker und vegan ernähren, natürlich nur bio, eh klar, waldorfschule, denn sie solln sich schließlich entfalten und zu nichts gezwungen werden. wir hatten auf dem weg zur feier des tages zwei kleine sektflaschen getrunken, dann holten wir auch noch eis und verteilten kekse an unsere spatzen. die kämpfe der eltern auf dem spielplatz finden nämlich nicht nur zwischen den fähigkeiten der soundsoalten kinder und ihren klamotten statt, auch beim essen und trinken kann man viel falsch machen. wir entspannen uns und das sieht dann so aus.

Sommer

Plötzlich Hochsommer und ich bin den ganzen Tag draußen, am Buddeln, Klettern, Rutschen und Laufen. Heute früh auf dem Weg zum Spielplatz sah ich meine Nachbarin mit Kind von hinten, wie sie den Kopf in ihre Handtasche steckte und als ich auf ihrer Höhe war, blieb ich neben ihnen stehen, um hallo zu sagen. Doch dann sah ich plötzlich, dass sie weinte, ganz unverhofft und ich erschrak über die plötzliche Intimität. Sie weinte und wühlte in ihrem Portemonnaie und die Tränen tropften ins Geld. Sie sieht kurz zu mir auf, ein Moment des stillen Fluchens, denn ich sollte sie nicht so sehen, niemand sollte sie so sehen, aber bei Fremden ist es nicht ganz so schlimm und ich greife nach ihrer Schulter, die sie sofort wegzieht, frage, ob ich ihr irgendwie helfen kann und sie stammelt: Ich bin nur gerade überfordert, ich muss mich erstmal wieder klarkriegen und schon wendet sie den Wagen, in dem ihr Kind sitzt, das ein hilfloses Gesicht unter der geringelten Mütze macht und sie verschwinden wieder im Haus. Ich gehe weiter und denke an all die Male, da mir das Wasser in den Kopf stieg, ich nicht mehr konnte und kurz zusammenbrach. Das kann halt auch keiner vorher ahnen, wie so ein Kind an den Nerven zieht, so ein echtes Kind, nicht die Kinder, die man sich ausmalt als Ahnungsloser, das ständige Zuzweitsein, andauernd unter Beobachtung, gefordert, Aufmerksamkeit gespitzt und das eigene Leben, das Leben davor, einfach hinten runter gefallen. Und dann steht man plötzlich da und heult sich morgens schon in die eigene Tasche. 

Das Fenster

Ich bin nicht recht fähig, irgendetwas zu tun. Zur Rechten das Fenster. Es ist ein größeres als noch vor Jahren. Die Jahre im Keller, im Elend, in der Gosse, Jahre ohne Geld, weit unterm Existenzminimum, wie geht denn das, fragt jemand, es geht, es geht. Und zwar gar nicht mal schlecht, wenn man nur sich selbst hat, auf den man aufpassen muss, denn sich selbst darf man vernachlässigen, das ist nicht so schlimm, man braucht sich vor niemandem rechtfertigen. Damals in der Schule, da war mir alles egal, ich dachte, ich würde eh mal Fernfahrer werden, nur raus aus der Menschheit, nur alle paar hundert Kilometer mal an der Tankstelle Halt machen und zwischendurch Ruhe, bewegte Bilder oder Hörbücher. Eine hartnäckige Phantasie von mir als Jugendliche. Immer wieder kommt die Vergangenheit angelatscht und will erinnert werden. Sie beißt dir kurz mal in die Wade und bellt frech. Besonders an so nutzlosen Tagen wie diesem, Tagen nach zu wenig Schlaf, Nächten, in denen ich angebrüllt wurde vor Schmerz und Fieber und hinter den Wänden immer die Nachbarn mit ihren seltsamen Geräuschen. Es sind diese Nachbarn, die es meinen Eltern unmöglich machten, in Wohnungen zu leben, immer musste es ein Haus sein, das war für sie Freiheit, dass nichts Geheimes hinter den Wänden passiert. Sie wuchsen in Wohnungen auf, in Armut, die sie verabscheuen lernten und landeten schließlich in der Mittelschicht, wo sie sparsam vor sich hinleben und immer wieder betonen, wie gut es ihnen geht, besonders angesichts all der Schreckensnachrichten aus der Glotze. Und ich frag mich, ob es da belastbare Gesetzmäßigkeiten gibt, ob die Wehr gegen die Kindheit immer dazu führt, dass sich die Generationen mit bestimmten Vorlieben und Eigenschaften abwechseln, dass sie mich in Wohnungen gebracht haben, und meine Kinder wohnen dann wieder in Häusern und genauso mit bestimmten Eigenschaften, die sanfte Mutter, das borstige Kind, der sanfte Enkel usw. Aber das führt zu keinen Antworten, denn in Wahrheit ist alles komplizierter. Es gibt nur den Heizkessel, der surrt und das Fenster zur Rechten, das eine Hauswand anstarrt. 

Preisausschreiben

Ich nehme nicht oft an literarischen Preisausschreiben teil, vielleicht ein Mal im Jahr, höchstens zwei und immer recht wahllos, wenn mich etwa ein Thema anspricht. Immer wieder erhalte ich keine Antwort und bin natürlich nicht unter den Gewinnern, immer wieder muss ich mir meine Geschichte so erzählen, dass alle anderen blind und taub sind, dass sie korrupt oder zumindest dumm sind, oder dass ich einfach nicht besonders gut darin bin, kurze, knackige Texte zu schreiben, dass ich zu wenig jugendlich für mein Alter bin, schon als Oma auf die Welt gekommen, schwerfällig schimpfend, sich nur für die inneren Vorgänge interessierend, und dann diese Scheu vor Fäkalausdrücken und geschriebenem Sex, wie es so gern gesehen wird bei literarischen Talenten unter dreißig. Einmal machte ich den Fehler, mir die Gewinnertexte anzuschauen und da traf es mich recht hart, die geballte Blödheit dessen, was angeblich meine Generation ausmacht, Texte voller triefschwerer Adjektive, emotionaler Kälte und Gestörtheit, jeder Satz voller Lametta, doch es ist der Schmuck der Reklame, der, der keine Bedeutung verbirgt, ein bisschen oberflächlicher Sex, immer mit dem Gestus der Nachdenklichkeit, die letztlich substanzlos bleibt. Ich lese das, bin ungeheuer gelangweilt und habe den Verdacht, ich sei vielleicht zu 19. Jahrhundert, zumindest irgendwie hinten dran, weil so was kann ich unmöglich ernst nehmen oder selbst nachbauen. Und dann muss ich die Geschichte so erzählen, dass alle anderen keine Ahnung haben, oder zumindest die Jury, dass sie vielleicht nur ihre Vettern auf das Podest gestellt haben, dass irgendetwas nicht stimmt da draußen, aber dass hier drinnen alles in Ordnung ist, dass es nur eine Frage er Zeit ist, dass ich weitermachen muss und dass es sich lohnt, dass ich nicht einer von den vielen bin, die sich für unglaublich talentiert halten und doch nur ambitionierten Käse ausstoßen. Ich muss die Geschichte so erzählen, wie alle anderen, damit ich nicht zu Staub zerfalle. Denn es sind diese Geschichten, die uns retten und uns vorwärts laufen lassen. 

Mein Leben im Schaufenster

Zu der Zeit, als Big Brother gerade zum ersten Mal lief, hatte ich die Idee, nach der Schule einen Laden zu mieten und im Schaufenster zu wohnen. Allerdings sollte das Schaufenster normalerweise blickdicht verriegelt sein. Aber eine Apparatur, in die man Geld steckt, öffnet einen Spalt und gibt den Blick auf meine Privatsphäre frei. Es war nicht gerade so, als hätte ich mein Leben damals besonders spannend gefunden, nur hatte ich den Eindruck gewonnen, mit Trivialitäten ließe sich Geld machen, was natürlich dazu passte, dass ich mich weigerte, in die Arbeitswelt, wie ich sie kannte, einzutreten. Heute ist das hier mein Schaufenster und niemand schmeißt Geld in den Apparat. 

Im Vorbeifliegen meldete ich mich bei einer Bibliothek an, da die Bücher aus dem häuslichen Regal nicht mehr ausreichen und ich von einer großen Leselust befallen wurde. Mir fielen am Hausregal immerzu Bände mit Geschichten in die Hände und ich dachte: mäh, Geschichten sind mir doch zu kurz, und so wars dann auch, jede Geschichte wie ein fader, kleiner Bonbon, viel zu schnell ausgelutscht, kurz bevors losgeht, hörts schon wieder auf. Und ich dachte: du bist eine von diesen sehr langatmigen, behäbigen Menschen, die alles immer ausgewalzt brauchen und selber walzen und walzen und nicht müde werden und immer weiter alles entfalten müssen, alles aussprechen und dehnen und natürlich führt das immer wieder zu Problemen, dass ich am Ende die Hälfte streichen muss zum Beispiel und dass jeder Anfang kein Ende nimmt und die Konsequenzen daraus, dass ich nichts oder nur sehr sehr wenig zum Anschluss bringe und das bedeutet wiederum, dass ich nur äußerst selten diese gefällige Zufriedenheit spüre, wie sie einen Handwerker überkommt, wenn er eine Heizung angebaut hat und am Ende ist es geschafft, die Hände werden an der Hose sauber geklopft, das Ding wird warm, der Koffer wird zugemacht, Feierabend. Dafür ich bin vertraut mit den Anfängen, die jedes Mal ein kleiner Frühling sind, alles noch klein und vorsichtigzart wie Knospen, die sich langsam trauen, aufzugehen und zu wachsen, all die Möglichkeiten, und Ahnungen, all die Wege, die noch unbetreten vor einem liegen.